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In der Basler Zeitung

Esra Weill beschneidet auch Muslime (Basler Zeitung 24. Juli 2012)
Von Beruf ist Esra Weill Buchhändler. Als Mohel ist er der Beschneider der Israelitischen Gemeinde Basel und führt an den jüngsten männlichen Gemeindemitgliedern den religiösen Akt durch.

Wird Esra Weill gerufen, fährt er mit seinen Utensilien zum Kind und seinen Eltern nach Hause. Dort führt er den rituellen Schnitt an der Penisvorhaut durch. Weill ist kein Arzt, aber auf seinem Gebiet ein Fachmann. Dennoch wird er immer wieder mit schaurigen Vorurteilen konfrontiert. «Ich kenne keinen Beschneider, der irgendwo im Keller mit einer dreckigen Klinge hantiert. Wir sind alles ausgebildete Fachleute und wissen, was wir tun», erklärt er.

Der jüdische Glaube sieht vor, dass der Knabe am achten Tag nach seiner Geburt beschnittenwird. Eine religiöse Beschneidung im Spital ist für Juden deshalb gar nicht möglich. «Wir führen diesen Eingriff erst bei Kindern ab einem Jahr durch», sagt Martina Beranek, Sprecherin des Universitäts-Kinderspitals beider Basel.

Der Beschluss des Zürcher Kinderspitals, die religiösen Beschneidungen aufgrund eines deutschen Gerichtsurteils auszusetzen, hatte für Weill deshalb keine grosse Bedeutung. Beunruhigt ist er hingegen über die Forderung der Organisation Kinderlobby Schweiz, Knabenbeschneidungen generell in der Schweiz zu verbieten. «Ein solches Verbot ist der völlig falsche Weg. Jüdische und muslimische Eltern würden so in die Illegalität getrieben und das wäre definitiv nicht zum Wohl des Kindes», sagt er.

3500 Jahre alte Tradition

Der Vorwurf, bei der Beschneidung würden Kinderrechte verletzt, lässt Ronald Fried, Vizepräsident der Israelitischen Gemeinde Basel, nicht zu. «Im jüdischen Glauben steht das Wohl des Kindes zuoberst. Wir versuchen die Eingriffe so schmerzarm wie möglich durchzuführen», sagt er. Zudem sei der Eingriff aus medizinischer und hygienischer Sicht durchaus sinnvoll, da er die Übertragung von Infektionen vermindere.

Warum wird dieser Ritus überhaupt praktiziert? Fried: «Die Beschneidung geht auf das Alte Testament zurück. Abraham hat das bei seinen Söhnen Ismael und Isaak erstmals durchgeführt.» Seit 3500 Jahren werde dieser Brauch nun praktiziert. Für Juden sei es ein göttliches Gebot und eine alte, wichtige Tradition. «Es ist ein Zeichen, mit dem man bekundet, dass man sich zur religiösen Gemeinschaft bekennt.»

Esra Weill liess sich vor sieben Jahren zum Mohel ausbilden. Das Handwerk, wie er selber sagte, erlernte er von erfahrenen Beschneidern in den USA und in Israel. «Ich wollte unbedingt meinen jüngsten Sohn beschneiden, deshalb entschloss ich mich zu diesem Schritt», sagt er. Den ersten offiziellen Schnitt als ausgebildeter Mohel führte Weill dann auch an seinem eigenen Sohn durch. «Seither habe ich 350 weitere Eingriffe durchgeführt», erzählt er.

«Unnötig und voreilig»

Jährlich finden in der Schweiz rund 200 Beschneidungen nach jüdischer Tradition statt, in Basel sind es rund 30. «Die Zahl bleibt bei uns Juden konstant, da die jüdische Bevölkerung in etwa gleichbleibend ist. Deutlich zugenommen haben hingegen die Beschneidungen von muslimischen Knaben», sagt er. In seiner Arbeit kennt Esra Weill denn auch keine Berührungsängste. «Ich führe auch an muslimischen Kindern Beschneidungen durch», erklärt er.

Bei der Basler Muslim-Kommission, dem Dachverband islamischer Organisationen in den Kantonen Basel-Stadt und Baselland, stellt das kein Problem dar. «Der Islam schreibt nicht vor, dass der Beschneider ein Muslim sein muss», sagt Präsident Cem Karatekin.

Bei den Muslimen in Basel löst hingegen die Debatte über ihre alte Tradition grosse Verunsicherung aus. «Es erstaunt uns sehr, dass ein umstrittener Entscheid eines untergeordneten Gerichts im Ausland so hohe Wellen in der Schweiz schlägt», so Cem Karatekin. «Das Beschneidungsmoratorium wurde unnötig und voreilig beschlossen.»

Diplom für Beschneider

Sowohl die jüdische Gemeinde wie auch die Basler Muslim-Kommission zeigen sich deshalb sehr erfreut über den Entscheid des Universitäts-Kinderspitals beider Basel. Die Klinik gab gestern bekannt, weiterhin religiöse Beschneidungen durchzuführen. «Die deutsche Rechtssprechung hat in der Schweiz keine Gültigkeit», begründete Sprecherin Martina Beranek den Entscheid gestern.

Das alleine reicht Esra Weill noch nicht. Er will mit den Vorurteilen gegen die Beschneider aufräumen. «Was wir tun, ist legal», sagt er deutlich. «Deshalb ist Transparenz sehr wichtig. Ich würde mir eine Zertifizierung oder einen Branchenverband für uns jüdische, aber auch muslimische Beschneider wünschen», sagt er. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.07.2012, 07:28 Uhr